Wie Erinnerungen von außen manipuliert werden können – und warum wir plötzlich glauben, etwas genau zu wissen
Nicht jede Erinnerung ist so klar abgespeichert, wie wir es uns wünschen würden.
Unser Gehirn arbeitet nicht wie eine Videokamera. Erinnerungen bestehen vielmehr aus einzelnen Fragmenten, Eindrücken, Gefühlen, Gerüchen, Bildern und Zusammenhängen – und genau dort entstehen manchmal Lücken.
Besonders häufig zeigen sich Erinnerungslücken bei:
- traumatischen Erlebnissen (siehe auch im Blog: „Fehlende Erinnerung – wenn das Gehirn uns beschützt“)
- sehr lange zurückliegenden Situationen
- Momenten eingeschränkter Aufmerksamkeit oder Überforderung
- starken emotionalen Belastungen
- Substanzmissbrauch (Alkohol und Drogen)
- Blackout – wenn nur noch Fetzen vor dem Gehirncrash verfügbar sind
Das Gehirn versucht jedoch ständig, Sinn und Vollständigkeit herzustellen.
Und genau hier beginnt manchmal der sogenannte „Überschreibmodus“.
Wenn Erzählungen plötzlich zu eigenen Erinnerungen werden
Hören wir Geschichten oft genug, entstehen daraus innere Bilder.
Menschen beginnen dann manchmal, fremde Beschreibungen mit eigenen Erinnerungsfragmenten zu vermischen.
Ein fatales Geschehen, insbesondere im Bereich der Zeugenaussagen!
Das Gehirn ergänzt dabei automatisch fehlende „Puzzleteile“.
Nicht bewusst. Nicht absichtlich. Sondern als natürlicher Vorgang unseres Denkens.
Plötzlich wirkt etwas „bekannt“.
Man glaubt, sich zu erinnern und dann, wenn jemand nachfragt, ist man plötzlich sogar ganz sicher…!
Dabei können sich echte Erinnerungen und hinzugefügte Fantasieanteile miteinander vermischen.
Wie kann man die echten von den erdachten (oder gewünschten) Erinnerungen und Bilder im Kopf unterscheiden?
Besonders auffällig wird dies oft dann, wenn konkrete Randbedingungen fehlen:
- Welche Gerüche waren wahrnehmbar?
- Welche Farben gab es?
- Wie war das Wetter?
- Wer war noch anwesend?
- Was geschah unmittelbar davor?
Fehlen diese Details vollständig, beginnt das Gehirn manchmal, Lücken selbstständig zu ersetzen.
Wie geht das?
Echte Erinnerungen enthalten häufig intensive Sinneseindrücke.
Gerüche, Körpergefühle, räumliche Wahrnehmungen oder kleine Nebensächlichkeiten wirken oft erstaunlich lebendig.
Erfundene oder „überschriebene“ Erinnerungen bleiben dagegen häufig ungenau, wechselhaft oder wirken eher wie erzählte Szenen ohne echtes Erleben.
Nehmen wir z.B. eine Zeugenaussage. Häufig trifft hierbei konkret gesehenes auf einen Anteil Fantasie. Nicht zuletzt deshalb, da nicht alles konkretisiert werden kann aber will!
Genaue Beobachter sehen deutlich, an welcher Stelle dieser Mensch „mit seinen Augen, Erinnerungen sucht „.
Man hat in Videoaufnahmen die Entstehung dieser Puzzlefragmente tatsächlich identifizieren können – nur anhand der Augenbewegungen!
Ein Grund also mehr, Erinnerungen genau zu hinterfragen!
Ein Polizeibeamter sagte einst zu mir: „Eine Zeugenaussage ist immer nur so genau, wie die Fragen, die diesem gestellt werden – mit aller Detailarbeit“.
Genau deshalb spielt auch in der Trauma-Arbeit die behutsame Rekonstruktion von Randbedingungen eine höchst wichtige Rolle.
Warum Hypnose helfen kann
Menschen schildern dort häufig nur das, was tatsächlich abrufbar gespeichert ist.
Nicht erinnerbare Bereiche bleiben dabei oft bewusst leer.
Lücken werden nicht automatisch geschlossen, sondern als:
„Ich weiß es nicht“
oder
„Das ist nicht erreichbar“
beschrieben.
Gerade diese fehlende Ergänzung kann diagnostisch bedeutsam sein.
Aber nicht für jeden kommt Hypnose in Betracht – und dann?
Was hilft, Erinnerungen behutsam zu detaillieren?
Hierbei hilft ein Blick in die Gehirnfunktion.
Der Hippocampus – also jener Bereich unseres Gehirns, der Erinnerungen verarbeitet und einordnet – benötigt Sicherheit und Ruhe.
Hilfreich können sein:
- langsame Schaukelbewegungen
- ruhige Umgebung
- bewusste Konzentration auf Randbedingungen
- Erinnern des Tagesablaufs
- Fragen nach Wetter, Tageszeit oder anwesenden Personen
- gedankliches Zurückgehen in den Kontext vor dem Ereignis
Nicht das belastende Erlebnis selbst steht dabei zuerst im Mittelpunkt, sondern der sichere Zugang zu den abgespeicherten Informationen. Wir ordnen das gern gemeinsam.
Ohne langwierige Therapie – einfach durch das eigene Verständnis mit neuem Blick auf die Dinge. Oft genügen nur wenige Sitzungen dazu
Erinnern ohne zu überfluten
Eine sanfte Erinnerung, ohne belastende Eindrücke unkontrolliert erneut erleben zu müssen, ist ein wichtiger Ansatz der Trauma-Fachberatung.
Es geht nicht darum, Menschen „hineinzustoßen“.
Sondern darum, dem Gehirn behutsam zu helfen, Erinnerungen wahrhaft und vollständig zugänglich zu machen.
Gemeinsam kann daran gearbeitet werden, Belastendes einzuordnen, innere Sicherheit zurückzugewinnen und das Erlebte schonend zu verarbeiten.
Übrigens:
Fehlende Erinnerungen und Angststörungen entstehen nicht selten im Zusammenhang mit einem erlebten Trauma. Schaue auch gern auf diese beiden Blogartikel!
Ich bin Marion Willmanns – Vocal-Coach, Gesundheits- und Diplom-Trauma-Fachberaterin.
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