Körperreaktionen verstehen – und lernen, wieder Einfluss auf Gehirnfunktionen zu nehmen
Manchmal ist die Gefahr längst vorbei – und trotzdem reagiert der Körper weiter.
Man ist plötzlich ständig erschöpft. Schläft schlecht. Ist viel schreckhafter als früher. Kleinigkeiten bringen einen aus der Fassung. Manche Menschen erleben Panik, Herzrasen oder eine ungewohnte innere Unruhe. Andere werden still, ziehen sich zurück oder fühlen sich regelrecht antriebslos.
Und wieder andere kennen sich plötzlich selbst nicht mehr:
Woher kommt diese Wut? Warum bin ich so schnell gereizt? Warum explodiere ich wegen Dingen, die mich früher kaum berührt hätten?
Eine mögliche Erklärung beginnt dort, wo auch unser gesamtes Erleben verarbeitet wird:
im Gehirn.
Das Gehirn als Firma
In meinem Buch „Und es wird dich verändern – Die Suche nach dem guten Grund“ beschreibe ich das Gehirn ganz bewusst nicht zuerst mit komplizierten Fachbegriffen, sondern als eine Firma.
Da gibt es zunächst die Chefetage: unseren präfrontalen Cortex.
Ganz oben sitzt in meinem Gehirnmodell Professor Denker. Er ist der Firmenchef, wägt ab, plant, bewertet Situationen und trifft rationale Entscheidungen.
Was ist wichtig?
Was kann warten?
Was muss heute noch erledigt werden?
Und was gehört längst in die Ablage?
Professor Denker ist damit unser „Mister Ratio“. Solange die Firma ruhig läuft, behält er den Überblick, organisiert das Tagesgeschäft und trifft seine Entscheidungen möglichst vernünftig und faktenbasiert.
Doch eine Etage tiefer befindet sich eine Abteilung, die im Ernstfall sogar dem Chef die Macht nehmen darf.
Das limbische System.
Und dort sitzt eine der wichtigsten Figuren unseres Gehirnmodells.
Frau Amygdala – die Notfallzentrale mit den Antennen
Frau Amygdala steht für unser körpereigenes Notfallsystem.
In meinem Gehirnmodell trägt sie zwei äußerst aufmerksame „Antennen“. Diese Antennen passen 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche auf und prüfen ständig:
Ist alles sicher – oder droht irgendwo Gefahr?
Solange nichts Auffälliges geschieht, beobachten sie lediglich. Reize werden überprüft, bewertet und normal weitergeleitet.
Wird jedoch eine massive Bedrohung erkannt, drückt Frau Amygdala sofort auf den Alarmknopf.
Dann zählt keine lange Überlegung mehr.
Das System schaltet auf Überleben.
Und genau das erklärt auch etwas, worunter viele Menschen später sehr leiden:
Wir können uns an manche Situationen schlicht nicht im Einzelnen erinnern.
Vereinfacht gesprochen war Professor Denker in diesem Moment nämlich bereits „abgeschaltet“. Die rationale Verarbeitung und das geordnete Zusammensetzen von Informationen funktionieren während eines massiven Alarmzustandes nicht so wie im normalen Alltag. Einzelne Handlungen, Bilder oder ganze Abschnitte können deshalb später fehlen.
Für viele meiner Klienten ist genau das eines der größten Aha-Erlebnisse.
Denn plötzlich verändert sich die Frage.
Nicht mehr:
„Warum kann ich mich nicht erinnern? Was stimmt mit mir nicht?“
Sondern:
„Mein Gehirn war in diesem Moment damit beschäftigt, mich zu schützen.“
Fehlende Erinnerungen sind also nicht automatisch ein persönliches Versagen und auch kein Beweis dafür, dass man „nicht richtig aufgepasst“ hätte.
Unter extremer Belastung können Erinnerungen schlicht nicht zuverlässig gespeichert – und später abgerufen werden!
Mehr dazu findest du auch in meinen Artikeln:
„Fehlende Erinnerung – wenn das Gehirn uns beschützt“
https://gesang-und-trauma.blog/fehlende-erinnerung/
und dazu auch mega interessant:
„Erinnerungslücken, Überschreibmodus, manipulierte Erinnerungen“
https://gesang-und-trauma.blog/erinnerungsluecken-ueberschreibmodus-manipulierte-erinnerungen/
Wenn die Antennen danach auf Habacht bleiben
Der eigentliche Alarm ist vielleicht irgendwann vorbei.
Doch für unser Gehirn kann damit noch lange nicht alles erledigt sein.
Hat Frau Amygdala einmal einen sehr großen Alarm melden müssen, haben ihre Antennen etwas gelernt:
Gefahr ist möglich.
Und nun können sie wachsamer bleiben als zuvor.
In meinem Gehirnmodell stehen sie jetzt förmlich auf Habacht. Reize, die früher kaum beachtet worden wären, werden schneller überprüft. Man erschrickt leichter, reagiert empfindlicher oder gerät schneller in Anspannung.
Das Entscheidende ist:
Diese Antennen können auch wieder lernen.
Sie dürfen neue Erfahrungen machen:
Die Gefahr ist vorbei.
Ich bin sicher.
Ich darf mich wieder beruhigen.
Und genau hier beginnt ein wichtiger Teil von Regulation.
Fight, Flight oder Freeze – wenn Überleben Vorrang hat
Im akuten Alarmzustand stehen dem Körper sehr alte Überlebensprogramme zur Verfügung:
Fight – Kampf
Flight – Flucht
Freeze – Erstarren oder Schockstarre
Welche Reaktion erfolgt, entscheidet nicht Professor Denker nach einer langen Lagebesprechung.
Der Körper reagiert reflexartig.
Das ist sinnvoll, denn in einer echten Gefahr wäre langes Nachdenken möglicherweise viel zu langsam.
Problematisch wird es erst dann, wenn dieses Alarmsystem anschließend nicht vollständig wieder in seinen normalen Bereitschaftszustand zurückfindet.
Warum das Energiefass manchmal schon am Nachmittag leer ist
Bleibt das Nervensystem in erhöhter Alarmbereitschaft, kostet das Kraft.
Viel Kraft.
Und manchmal bemerkt man genau das schon mitten am Tag.
Morgens startet man vielleicht noch relativ normal. Doch ein Teil der verfügbaren Energie fließt ständig in Wachsamkeit, Anspannung, Selbstkontrolle und das Bewältigen ganz gewöhnlicher Anforderungen.
Man arbeitet.
Man erledigt Termine.
Man funktioniert.
Doch irgendwann am Nachmittag ist plötzlich Schluss.
Das Energiefass ist leer – als wäre längst später Abend.
Und genau dann beginnt eigentlich der Teil des Tages, für den ebenfalls Kraft gebraucht würde:
Familie. Partnerschaft. Freunde. Freizeit. Einkaufen. Kochen. Gespräche. Vielleicht auch einfach einmal etwas Schönes unternehmen.
Aber dafür ist schlicht nichts mehr übrig.
Von außen wird das manchmal missverstanden:
„Für die Arbeit ging es doch auch!“
Ja.
Aber möglicherweise war danach keine Energie mehr vorhanden.
Und genau deshalb können Erschöpfung und Gereiztheit sogar gleichzeitig auftreten:
Ein Mensch ist völlig ausgelaugt – und trotzdem genügt eine Kleinigkeit, damit das ohnehin überlastete System heftig reagiert.
Das Gehirn speichert Alarm – und der Körper reagiert mit Stress
Bei anhaltender Alarmbereitschaft werden Stressreaktionen leichter ausgelöst. Kleine Reize können plötzlich wesentlich größere körperliche oder emotionale Auswirkungen haben als früher.
Betroffene berichten unter anderem von:
Herzrasen, Schlafstörungen, Panik, innerer Unruhe, starker Erschöpfung, depressiver Stimmung oder einer Gereiztheit und Wut, die sie von sich selbst überhaupt nicht kennen.
Gerade diese Wut irritiert viele Menschen enorm und entlädt sich oft an denen, die es am wenigsten verdient haben und noch weniger einordnen können.
Wut entsteht wegen scheinbarer Kleinigkeiten. Häufig trifft sie ausgerechnet Menschen, die einem besonders nahestehen.
Und hinterher kommt das Erschrecken:
„Warum habe ich so reagiert?“
Im Gehirnmodell könnte man sagen:
Die Systeme liefen heiß.
Die Reizschwelle ist gesunken und das Alarmsystem reagiert wesentlich früher als früher.
Und dann liegen da plötzlich diese grauen Puzzleteile
Jetzt kommt eine weitere Figur unserer Gehirnfirma ins Spiel:
Herr Hippocampus.
Er ist in meinem Gehirn-Modell der Sekretär.
Seine Aufgabe besteht vereinfacht gesagt darin, Erlebnisse einzuordnen:
WO ist etwas geschehen?
WANN ist es geschehen?
Kann ein Erlebnis geordnet werden, kann es irgendwann sinngemäß in die Ablage:
„gewesen und erledigt“.
Doch nach einer massiven Überforderung gelingt genau diese Zuordnung manchmal nicht vollständig.
Und nun entstehen in meinem Gehirnmodell die „grauen Puzzleteile“.
Sie stehen für Fragmente und Erlebnisteile, die bislang keinen richtigen Platz gefunden haben.
Professor Denker stolpert bildlich gesprochen immer wieder darüber.
Aber er weiß nicht, obwohl er der Chef der Firma ist und das wissen MÜSSTE:
Was ist das? Warum liegt das hier? Wohin gehört es?
Und genau diese fehlende Zuordnung kann das gesamte System weiter verunsichern.
Menschen beschreiben das manchmal sehr treffend:
„Früher habe ich fünf Dinge gleichzeitig erledigt. Heute überfordert mich schon ein einziger Termin.“
Kann man in diesen Kreislauf eingreifen?
Ja.
Man kann lernen, dem Nervensystem wieder andere Informationen anzubieten.
Dabei geht es allerdings nicht darum, sich selbst zu sagen:
„Jetzt beruhige dich doch endlich!“
Ein Nervensystem lässt sich nicht durch einen guten Ratschlag überreden.
Es braucht etwas anderes:
Erfahrungen von Sicherheit.
Ruhige, rhythmische Bewegungen können dabei beispielsweise hilfreich sein. In meinem Buch gehe ich unter anderem auf das Schaukeln ein, aber auch auf ruhiges Gehen, entspanntes Radfahren oder langsames Schwimmen.
Entscheidend ist dabei nicht die sportliche Leistung.
Es geht um Rhythmus, Regulation und das Erleben:
Ich bin gerade sicher.
Das Schaukeln selbst „löst“ selbstverständlich kein Trauma auf. Im Gehirnmodell schafft eine solche Regulation aber bessere Voraussetzungen dafür, dass Verarbeitung überhaupt wieder stattfinden kann.
Und dann verändert sich eine Frage
Vielleicht lautet die Frage irgendwann nicht mehr:
„Was stimmt mit mir nicht?“
Sondern:
„Was versucht mein Gehirn gerade zu schützen, zu verstehen oder endlich einzuordnen?“
Und plötzlich ergibt manches Verhalten einen anderen Sinn.
Die Erschöpfung.
Die Wut.
Die Schreckhaftigkeit.
Die Erinnerungslücke.
Die Überforderung.
Oder dieses eigenartige Gefühl, dass der eigene Körper anders reagiert als früher.
Genau dort beginnt nämlich der Körperkrimi im Gehirn.
Und genau deshalb lautet einer der wichtigsten Sätze meiner Arbeit:
Verstehen verändert!
Lerne hier das gesamte Gehirnmodell kennen!
Das vollständige Modell mit Professor Denker, Frau Amygdala, Herrn Hippocampus, den grauen Puzzleteilen,
Fight–Flight–Freeze und der Frage, wie Verarbeitung wieder möglich werden kann, findest du ausführlich in meinem aktuellen Buch:
„Und es wird dich verändern – Die Suche nach dem guten Grund“
Thriller & Psychologie
Reale Fakten treffen auf einen fiktiven Fall.
Das Buch verbindet eine fiktive Geschichte in Form eines spannenden Thrillers mit realen psychologischen und neurobiologischen Zusammenhängen – und mit einer Frage, die sich durch das gesamte Buch zieht:
Was, wenn mehr als Schuld hinter einer Tat steht – Was ist der „gute Grund“ hinter einem Verhalten?
📖 Das Buch kann schon jetzt bei mir als Autorin, Marion Willmanns, vorbestellt werden.
Du hast Fragen oder möchtest deine eigenen Geschichte gern in diesem Sinne betrachten?
Gern!
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